Coming out. Pezi Novi

Vom 16. bis 19. Februar 2017 öffneten die Ateliers der Wiede-Fabrik wieder ihre Türen für zahlreiche Besucher. Anna Wondrak zeigt in Kooperation mit Marion Bierling Arbeiten der Künstlerin Pezi Novi.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

 

Pezi Novi. Coming Out

Hrsg. Marion Bierling

Mit einem Text von Erik Franzen

€ 12.-

 

„Und dann passt das plötzlich zusammen.“

 

Pezi Novi zeigt nach intensiver Auseinandersetzung mit Handwerk, Material und philosophischen Gedanken zum ersten Mal einen Teil ihrer Werke im Ausstellungsraum von Anna Wondrak auf dem Gelände der Alten Wiede-Fabrik.

Die Arbeiten der Künstlerin sind außergewöhnliche Einzelstücke. Aus Stoff, Plastik, Papier oder Folien zusammengefügt, zunächst ohne inhaltlichen Bezug, eher nach ästhetisch–haptischen Aspekten ausgesucht. Übereinander geschoben, verschweißt, beklebt, vernäht und oft mit einem philosophischen Zitat versehen, verdichten sich die aus ihrem jeweiligen Kontext gerissenen Einzelteile zu etwas völlig Neuem. Und durchaus zu etwas Dekorativem: Aus Abfall und ‚Unrat’ entstehen fragil wirkende Kleinode.

 

 

Ideen, Eindrücke, Erinnerung und Material verweben sich in diesen Arbeiten zu neuen Sinnesmustern. Nutzgegenstände verwandelt die Künstlerin mit großem Fingerspitzengefühl zu feinsinnigen Kunstobjekten. Seit ihrer frühen Kindheit näht, verändert, bestickt und strickt Pezi Novi Kleidung. Vor etwa 12 Jahren beginnt sie mit der Entwicklung ihrer ganz eigenen Objekte. Frei im Sinne der Kunstform ‚object trouvé’ montiert die Künstlerin ihre Fundstücke zu eigenwillig komponierten Gegenständen: Verpackungsmaterial, Mülltüten und andere Unauffälligkeiten des Alltags dienen in Novis Kunst als Basismaterial. So transformiert sie beispielsweise Kongressbänder im Mix aus Stoffstücken und Wortfetzen zu Schmuckobjekten, versieht alte Putzlappen mit zarten Stickereien und interpretiert Verständnis-skizzen aus Philosophie-Vorlesungen zu abstrakten Stoffbildern.

 

Mit Akribie und Detailliebe verbindet die Künstlerin ihre Materialcollagen zum Teil mit Zitaten aus der Philosophie und Literatur:

 

„Die Textfragmente kommen mir so unter, vor allem wenn ich philosophische Texte lese, aber auch Romane, und oft sind da bestimmte Bezüge, die immer wieder vorkommen, Zitate und so (oder Sätze), vor allem von Arthur Rimbaud. Meist hinterlassen sie eine bestimmte Wirkung. Interessante schreibe ich mir auf oder solche, in denen ich eine gewisse Wahrheit entdecke. Mein Favorit ist Jacques Lacan und seine Betrachtungsweise auf das Unbewusste.“

 

Ihren allerersten Arbeitszyklus beginnt sie mit einer simplen Aufgabenstellung: An mehreren Stoffteilen eine Woche lang - täglich eine Stunde - zu nähen. Dabei sollte an jedem Tag etwas vom vorherigen Werkstück aufgegriffen werden. So entstehen Serien, die aufeinander aufbauen und sich im Ganzen verstehen. Später beginnt sie Stoffbilder zu nähen, Labyrinthe aus Maschinennähten, die sie dann manuell detailgetreu kopiert und damit der Idee Mensch versus Maschine einen neuen Stil verleiht. Oftmals sind diesen Arbeiten von Grundrissen inspiriert, wie von Häfen oder von Busnetz-Karten. Es ist gut erkennbar, dass die handwerklichen Stiche organischer und doch präziser und feiner sind als die der Nähmaschine.

 

Pezi Novi ist in den späten sechziger Jahren in Tittmoning geboren und verbringt ihre Kindheit und Jugend in Oberbayern, macht eine Lehre als Steinmetz- und Steinbildhauerin. Sie studiert Sozialpädagogik, wird Erzieherin und schließt später ein Studium der Philosophie bei den Jesuiten in München ab. Sie lebt und arbeitet in München und ist Mutter von vier Töchtern.

 

Marion Bierling, Februar 2017

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© Anna Wondrak