Ruth Detzer
Zu den neuen Arbeiten von Ruth Detzer
In den letzten Jahren bestimmte die Ästhetik der Modewelt die künstlerische Arbeit von Ruth Detzer. Auf großen Leinwänden und in kleinformatigen Collagen bildeten Fragmente von Frauenkörpern und aus dem Kontext gerissene Momentaufnahmen aus Hochglanzmagazinen dichte Bilderwelten. Inhaltlich entwickeln sich die neuesten Arbeiten über die Dekonstruktion von Weiblichkeit hinaus und kreisen um Mischwesen, die sich zwischen Realität und Wunschvorstellung bewegen.
Der Bildaufbau verändert sich von einer bisher eher satten und engmaschigen zu einer klaren und reduzierten Form. Zarte Babys in Strampelanzügen sitzen behäbig oder scheinen ikonenhaft in aufrechter Haltung zu schweben. Doch anstelle von einem runden Kinderkopf wird der Betrachter kritisch von Vogel- oder Hundeköpfen beäugt. Are you watching me? Schaust Du mich auch ganz genau an? scheinen sie zu fragen. Ein meist erhobener Arm, hier eine nach Aufmerksamkeit heischende Geste, unterstreicht diesen Appell.
Wenig lenkt von dieser Frage ab. Der Hintergrund der kleinformatigen Malereien ist entweder zurückhaltend einfarbig, durchzogen von nur wenigen graphischen Details, oder er entlädt sich dezent in verspielt-dekorativen, floralen Stoffmustern. Wo in früheren Arbeiten durch die Verbindung von Collage und Malerei ein tapetenähnliches Muster entstand, werden nun einige Keilrahmen mit echtem Stoff bespannt und bringen eine neue Form des Bildträgers mit in Ruth Detzers Arbeit ein. Bei Tageslicht unsichtbare Leuchtfarbe, die überlegt an bestimmten markanten Stellen der Bilder eingesetzt wird, erschließt eine neue, weitere Ebene, die sich dem ersten flüchtigen Blick entzieht.
Die Zwitter, gefangen zwischen Mensch und einer Art degeneriertem Fabelwesen, kokettieren auf der einen Seite mit dem Betrachter, auf der anderen Seite treiben sie ein schonungsloses Spiel mit seinen Emotionen: je nachdem, welchen (Körper)Teil man ins Zentrum der Betrachtung rückt, pendeln die Wesen in ihrer Anmutung zwischen niedlich, ironisch und brutal. Ruth Detzers frühere Malereien zeigten fast nur unversehrte, durch Details ergänzte Frauenkörper, ihre Collagen hingegen setzten sich aus vielen bruchstückhaften Fragmenten zusammen. Nun verändern sich die neuen Malereien auf der formalen Ebene in Richtung der früheren Collagen. Jetzt sind es zwei Teile, ein menschlicher Körper und ein Tierkopf, die zusammengesetzt werden.
Die inhaltlichen Ebenen lenken den Blick auf verschiedene psychische und physische Zustände unseres Lebens: Wir sind als Resultat unserer schnelllebigen Gesellschaft oft nur noch Fragmente unseres Selbst, begleitet von der ständigen Angst, nicht perfekt zu sein und die gestellten Erwartungen nicht erfüllen zu können. Diese Schnelllebigkeit ist untrennbar mit einer omnipräsenten Veränderung in allen Bereichen verbunden. Veränderung kann negativ oder positiv sein. Auch wenn die Flucht in Drogen unsere innere Gefühlswelt verändert die Genforschung immer neue Fragen über ihre Vor- und Nachteile sowie ihre moralische und ethische Vertretbarkeit aufwirft: Veränderung hat auch viele gute und fruchtbare Aspekte und kann von einer positiven Weiterentwicklung und dem Willen, etwas zu bewegen, sich zu verändern, zeugen.
Die Fabelwesen entführen den Betrachter auch in die Welt des Märchens, in die Welt der Träume. Davon zu träumen, dass alles besser wird, ist der erste Schritt zu einer neuen Realität. Hier sind die Fabelwesen dem Wald entwachsen, sie verbinden sich mit der echten Welt und fordern uns dazu auf, über sie nachzudenken. Sie stellen sich als Projektionsfläche für unsere Wünsche zur Verfügung und mahnen zugleich, gut über das Nachzudenken, was wir uns wünschen, denn: es könnte schon bald Realität werden.
Anna Wondrak, München 2010
Biographie
geboren 1974 in Augsburg. Lebt und arbeitet in München.
- 2010 Stipendium zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre, Akademie der Bildenden Künste, München
- 2007 Mitinitiatorin der „ Aenderei“, Projekraum, München
- 2005 Diplom, Akademie der bildenden Künste, München
- 2001 Erasmus- Stipendium für Valencia, Spanien
- 2000 Gründung von „unartig e. V.“, Plattform für junge Kunst und Kultur
- 1998-2004 Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste, München bei Hans Baschang und Markus Oehlen, Meisterschülerin
Ausstellungen (Auswahl)
- 2009 Zeit ist Bewegung im Raum, Maximiliansplatz 9, kuratiert von Anna Wondrak
- 2009 Double feature: art to go, Galerie plus, Bergmannstr. 10, München
- 2009 tilgt tongue, Kunstarkaden, München
- 2009 girls, girls, girls, Galerie steinle contemporary, München
- 2008 Eier in Glas, Polyfusion, Projektraum Thalkirchen, München
- 2008 Stiefmütterchen, Die Aenderei, München
- 2008 transit, Pasinger Fabrik, München
- 2007 Galerie Noah, Glaspalast, Augsburg
- 2007 souvenir, Bolt, Budapest, Ungarn
- 2007 Dr. Winkelmann-Romantik-Award, München
- 2006 Galerie steinle contemporary, München (Einzelausstellung)
- 2006 Galerie Schuster, Frankfurt (Einzelausstellung)
- 2006 EIN TAG MIT ONKELS CHROMS KORPS SAUNA, Alte Post, München
- 2005 verfick die Perspektive, Almstadtstr.50, Berlin
- 2004 Suppe, Seife, Seelenheil, (in Koop. mit Jutta Rossmann) Akademiegalerie, München
- 2004 Galerie Christine Mayer, München
- 2004 Turboplex, Berlin
- 2003 Neuer Drang, Malerei, Pilottystraße / München
- 2003 Galerie auf der Insel, Ulm (Einzelausstellung)
- 2003 Salon, (Performance), Salon bei Annette Schemmel
- 2002 Zimmer frei, Kunstaktion im Hotel Mariandl, München
- 2001 Malerei aus der Klasse Hans Baschang, Galerie Timm Gierig, Frankfurt
















