Theater of Life, part 01 + 02
In der zweiwöchigen Ausstellung Theater of Life setzen sich sechs junge und bereits etablierte Künstler, die mit den Medien Malerei, Fotografie, Zeichnung, Text, Video, Film und Installation arbeiten, mit dem Spannungsfeld der menschlichen Existenz und den damit verbundenen Seinsfragen auseinander.
In der ersten Woche wird der ungewöhnliche, drei Etagen umfassende Ausstellungsort als Gesamtkunstwerk inszeniert. Inspiriert von Dantes Göttlicher Komödie erfolgt eine Einteilung der drei Geschoße in Welten: so beginnt der Ausstellungsbesuch in der Unterwelt und führt über das Fegefeuer und die Seinswelt bis ins Paradies. Dabei findet eine vielfältige Auseinandersetzung mit verschiedenen Bedingungen der Existenz an sich statt. Im Erdgeschoß, der Unterwelt, wird der Besucher mit seinen eigenen Zweifeln konfrontiert. Und auch wenn jeder vor etwas Anderem Angst hat, gibt es so etwas wie eine „kollektive Höllenangst“, deren kleinster gemeinsamer Nenner das Gefühl ist, in der Hölle ohne Entkommen gefangen zu sein und auch zu bleiben. Die Arbeiten auf der mittleren Ebene fragen nach der nackten und ungeschönten Conditio Humana und beleuchten diese von ihrer unendlichen Tragik bis Skurrilität vor einem sehr persönlichen Hintergrund der jeweiligen Künstler. Die Arbeiten im Dachgeschoß spiegeln Heilsvorstellungen und -visionen wieder, wie sie in unserem Kultur- und Religionskreis imaginiert und angestrebt werden.
In der zweiten Woche werden sämtliche Arbeiten bis auf eine winzige Leiter entfernt. Eine Slideshow im Eingangsbereich vermittelt dem Besucher die Ausstellungssituation der ersten Woche. In den Ausstellungsräumen findet der Betrachter die weißen Räume in absoluter Leere vor. Einzig je eine Film- oder Videoarbeit wird in jedem der drei Stockwerke projiziert; sie alle setzen sich mit existentiellen Fragen auseinander. Der karge und unbequeme Raum wirft den Betrachter auf sich selbst zurück.
Verena Frensch
* 1970 München. Lebt und arbeitet in München.
Verena Frenschs Fotografien beschäftigt sich mit Zwischenzuständen und Übergängen des Seins. Die Serie EDEN 09 zeigt Mädchen, die sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden befinden: sie verlassen ein das verschlungene Leben und sein geistiges Ziel symbolisierendes Gartenlabyrinth der Kathedrale von Chartres oder stehen am von den letzten Strahlen der Sonne erleuchteten Strand zwischen Wasser und Festland. HOME thematisiert den wachsenden Verlust einer inneren und äußeren Heimat und versinnbildlicht den zunehmend entwurzelten Menschen in einer anonymen Massengesellschaft. Verlassenheit strahlt auch der hell und grünlich erleuchtete leere Spielplatz am Rande Chicagos bei Nacht aus; kein Kinderlachen ist hier vorstellbar.
Die Arbeiten der wachsenden Serie YOUR LOVE SO TENDER, YOUR HEART SO CLOSE reflektieren Verena Frenschs persönliche Erfahrungen auf der neonatologischen Intensivstation: blutrot bestickte Keimschutzmasken und Ganzkörperanzüge aus Keimschutzgaze für Mutter und Kind – wie abgelegte Larven an Haken hängend oder getragen zu sehen auf einer Fotografie, die zwischen Muttergottes- und Pietàdarstellung oszilliert – weisen auf eine Zeit hin, die von monatelangem Einhalten überlebenswichtiger Verhaltensregeln geprägt war. Darüber hinaus spiegeln die Arbeiten die menschliche Zerbrechlichkeit und sein Sehnen nach emotionaler und körperlicher Nähe und Geborgenheit wieder.
Im zweiten Ausstellungsteil zeigt eine 16mm Filmarbeit Röntgenaufnahmen von mit Kontrastmittel untersuchten Kinderherzen. In dieses pulsierende medizinische Filmmaterial ritzt sich kontinuierlich die kleine handschriftliche Botschaft MY TINY LITTLE MIGHTY HEART ein und öffnet damit eine zweite, emotionale Ebene: denn das Herz ist sowohl physisch faktisch als auch emotional und für das menschliche Selbstverständnis essentiell. Die Botschaft reflektiert das menschliche Schicksal, zugleich ein Staubkorn in der Welt und Gottes Ebenbild zu sein.
Julius Heinemann und Felix Leon Westner
Julius Heinemann * 1984 München. Lebt und arbeitet in Leipzig und München.
Felix Leon Westner * 1983 Georgsmarienhütte. Lebt und arbeitet in München.
In den jeweils 2-teiligen gerahmten Textarbeiten aus der Serie "erneut festgestellt" treten die beiden Künstler in einen spontanen und intuitiven Dialog über Seinsfragen.
Die Installation " Verein für Kompromiss und Kommerz" ist ebenfalls eine Gemeinschaftsarbeit. Sie spielt mit den von der Gesellschaft auferlegten Normen und Zwängen sowie dem Wunsch, einerseits frei und zugleich Teil einer Gruppe zu sein.
Christoph Kahlcke
* 1968 Kiel. Lebt und arbeitet in München.
An den Stil alter Leuchtreklamen angelehnt, thematisiert das Lichtobjekt YOU die (Schein)Individualität in unserer Gesellschaft und appelliert an den einzelnen, Verantwortung für das eigene Sein zu übernehmen.
Das geloopte Video TUNNEL zeigt eine Fahrt durch einen Autotunnel, der sich in einer unendlichen Linkskurve ohne Ausgang verliert. Das ersehnte Licht am Ende des Tunnels taucht niemals auf.
Im zweiten Ausstellungsteil versetzt die gemütsberuhigende Wirkung des Licht- und Schattenspiels der Projektion "Shadow" den Betrachter in eine meditative Stimmung und spiegelt sein Bedürfnis nach naturnaher Harmonie. Trotzdem wird er in diesem paradiesischen Zustand auf Platons Frage nach dem wahren Sein und dem echten Wesen der Dinge, die man in dieser Welt nicht finden kann, zurückgeworfen.
Ulrich Moskopp
* 1961 Köln. Lebt und arbeitet in Köln.
Ulrich Moskopps ätherische Gemälde bewegen sich im Spannungsfeld von Licht und Schatten zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei. Dabei beeinflusst der herabfließende Dammarharz entscheidend die Dichte und den Rhythmus der meist monochromen, vielschichtigen Farbtafeln, in denen eine Transzendenz und spirituelle Tiefe sichtbar wird.
Im zweiten Ausstellungsteil reflektiert die Videoinstallation Volto Santo über einen Schleier mit dem Antlitz Christi (Volto Santo), dass sich seit Jahrhunderten in der Kirche der kleinen abruzzesischen Stadt Manoppello befindet. Den größten Platz der Installation nimmt eine frei hängende, von allen Seiten einsehbare Scheibe ein, die das sich stets verändernde Antlitz Christi zeigt. Im Raum hört man Klänge, die durch Verlangsamung der Töne aus der Kirche in Manoppello entstanden.
Karen Schmidt
* 1971 Hamburg. Lebt und arbeitet in München.
Ausgehend vom Gedanken des Pilgerns beschäftigt sich die Installation "Walk to Confess" mit der Sinnsuche und dem „sich (zu etwas) Bekennen“. Auf den drei Ebenen der Ausstellung werden verschiedene Seinszustände durchschritten und miteinander verbunden, wobei die entsprechende Bedeutung von „to confess“ (beichten, bekennen, eingestehen, gestehen, kundtun, offenbaren, zugeben) erklärend an die Wand geplottet ist. Man begibt sich auf Spurensuche nach sich selbst, nach der Religion, nach dem System, in dem man lebt.
Als wuchernder Gedankenhaufen zeigt "Das unerwartete Ende Der Schwerkraft" skurrile und wundersame Momente des Alltäglichen sowie kleine und große Fragen des (Mensch)Seins. Aus der Schwerkraft der eigenen Gedanken befreit, treten die Zeichnungen in einen Dialog mit der Außenwelt.













